Wer braucht den Arzt?

Wer braucht den Arzt? - LK 15,1-10


Stellen sie sich

einen Hirten vor mit

seinen hundert Schafen

im Gebirge;

er zählt sie am Abend

ab und entdeckt,

dass ihm ein Tier fehlt.

 

Er geht die ganze Wegstrecke

noch einmal zurück, um das

verlorene Tier zu suchen.

Kein wirklicher Hirte in Palästina

würde anders handeln, denn

täte er es, brächte er sich

nach und nach um seine

ganze Herde.

 

Zu zerklüftet ist das Gebirge,

zu zahlreich sind die Raubtiere,

zu gefahrvoll das Leben der

Schafe und zu kostbar die Herde

dem Hirten.

 

Jesus setzt voraus, dass jeder

dem hundertsten Schaf nachgehen

und die neunundneunzig zurücklassen

würde.

Und dass ein jeder, das

erschöpfte und verängstigte

Tier auf seine Schultern nehmen

und es voll Freude nach Hause

bringen würde.

 

Die Geschichte, die Jesus

seinen Widersachern erzählt,

die sich einzig und allein darüber

empören, dass sich Jesus

wieder einmal mit Zöllnern,

Dirnen und Sündern abgibt,

rechtfertigt all das, was

Jesus tut.

 

Denn das ist seine Absicht:

Gut zu sein, zu denen, die

sonst keine Chance hätten;

den Menschen zu seinem

Glück zu bringen;

der Drangsal,

der Qual,

dem Leid

von Menschen ein

Ende zu bereiten und

Mitleid,

Verständnis,

Menschlichkeit,

Güte und Erbarmen

ihnen gegenüber zu zeigen.

 

Doch das Bild vom Hirten

und dem verlorenen Schaf,

scheint nicht in unsere Zeit

hineinzupassen.

Es widerspricht all dem,

was viele aus Erfahrung

kennen:

 

Es gibt Leitlinien der Moral,

des Anstands und der guten

Sitte, nach denen richten

sich jene, die es können

und sie schauen mit Häme

und Schadenfreude auf die

herab und drängen die hinaus,

die an den Satzungen vorbeileben.

Hinaus auch aus den Reihen

der Kirche:

 

Homosexuelle,

Wiederverheiratete Geschiedene,

moralisch Unkorrekte,

solche, die der Kirche und ihren

Gesetzen durch ihr

Leben widersprechen.

Vermeintlich queere

Menschen.

 

So ist es mehr als

nur eine große Enttäuschung,

dass es schon am ersten Tag

der vierten Synodalversammlung

in diesen Tagen einen großen Knall gegeben hat.

Die Annahme des Grundtextes

zur Sexualmoral in der Kirche

ist an der Sperrminorität

der Bischöfe gescheitert.


Jesus meint:

Schluss damit.

Habt Mitleid.

Lernt zu verstehen.

Urteilt nicht ab.

 

Darf nicht jeder Mensch

einen Ort haben, um zu Christus

zu gelangen?

 

Jesus wollte, dass wir

Gott entdecken als jemanden,

der uns trägt, wenn wir nicht

mehr gehen können, der uns

sucht, wenn wir im Schmutz

verloren sind und der uns

beisteht, wenn wir nicht ein

noch aus wissen.

 

Deshalb läuft der Hirte

dem Schaf nach.

Deshalb setzt Jesus sich

mit Zöllnern, Dirnen und

Sündern an einen Tisch,

um ihnen zu sagen:

 

Es gibt keine Grenzen für

Mitmenschlichkeit.

Es gibt kein Limit für

Geschwisterlichkeit.

Es gibt keinen Grenzwert

für Barmherzigkeit.

Die Liebe sprengt

alle Konventionen.

 

Die größte Freude,

die jeder einzelne und

wir gemeinsam als Kirche unserem

Gott bereiten können,

ist die Freude des hundertsten

Schafes.

 

Papst Franziskus meint:

„Steht auf; geht hinaus;

schaut auf die, die an den

Rändern stehen;

auf die, die warten,

auf euer Lachen,

auf eure Ermutigung,

auf eure Hand,

auf Christus und

dass ihr sie anseht,

dass ihr sie annimmt,

dass ihr ihnen gut seid

im Namen Christi und

eines Gottes, der ganz

und gar menschenfreundlich

ist und auf den Menschen

bezogen.

 

Es gibt unter Menschen

nichts Größeres und vor Gott

nichts Schöneres, als wenn

uns dies gelingen sollte.

Jedenfalls sollte die Haltung

einer Barmherzigkeit,

die grenzenlos ist,

unser Herz niemals

verlassen.

 

Eugen Drewermann

sagt einmal:

 

„Gut im Sinne der Moral

können wir nur sein,

wenn das Gute gütig ist.

Dann hört es auf, nur

moralisch zu sein,

dann wandelt es sich in ein

Vertrauen, weit wie der Sonnenaufgang

entfernt ist vom -untergang

und der Zenit von der Erde.“

 

Alles umspannt Gottes Huld

und Güte. Vielleicht kommen

die vermeintlich Korrekten

und die, die sich für moralisch

in Ordnung meinen, selbst an

den Punkt, an dem sie merken,

dass auch sie Gottes Erbarmen

brauchen; dass es überhaupt

keine neunundneunzig richtige

und ein verlorenes Schaf gibt,

sondern nur eine gemeinsame

Menschheit, die auf Rettung

angewiesen bleibt.

 

In diesem Sinn spricht

ein Gedicht von Rica Friedberg

folgendes aus. Sie hat dabei

die Erzählung vom barmherzigen

Vater und seinen beiden Söhnen im Blick,

die in der Langfassung des heutigen

Evangeliums zu hören gewesen wäre.

 

Verlorene Söhne

verlorene Töchter

inzwischen ohne Erinnerung

an ihre Herkunft –

wer sagt ihnen

ein Vater wartet auf sie

mit mütterlicher Liebe

 

noch immer

wird diese Botschaft

übertönt vom strengen Geist

des ältesten Bruders –

obwohl sich der Vater

sehnlichst wünscht

dass auch er sich bekehrt.

 

Gott will sie alle

und vielleicht gerade die

am meisten, die nie haben

glauben dürfen, seiner

würdig zu sein.

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