4. Advent

4. Advent - Lk 1,39-45


Man kann auf

verschiedene Weise von

Gott sprechen. Man kann

über ihn diskutieren. Man

kann von seinem Wirken

erzählen, und man kann sich

einfach darüber freuen,

dass er da ist und aus lauter

Freude ein Lied

anstimmen.


Manchmal ertappe ich

mich selbst dabei. Ich gehe

durch den Wald oder die

Weinberge, da kommt plötzlich

ein Lied über meine Lippen.

Ich summe es.

Ich singe es.

Ich pfeife es.


Manchmal wundere

ich mich selbst darüber,

weil ich mir das Lied

nicht ausgesucht habe.

Es ist einfach da.

Einfach so. Das bringt

mich innerlich zum

Schmunzeln.


Zumeist sind des

Lieder des Lobes.

Ich lobe meinen Gott.

Das hört sich sehr

fromm an, als wenn ich

keine andere Lieder

kennen würde, außer

kirchliche. Das stimmt

aber nicht.


Lieder lernt man kennen,

indem man sie singt.

Weniger indem man sie

spricht. Was ist schon

das bloße Sprechen gegenüber

dem Gesang. Wir alle haben

es ja eine Zeitlang erleben

können. Und immer noch

erklingen unsere Stimmen

sehr verhalten, hinter vorgehaltener

Hand, hinter aufgesetzten Masken.



Maria erlebt, dass bei

Gott kein Ding unmöglich ist.

Sie bricht in Jubel aus.

Sie, die Frau aus Nazareth -

wer kennt schon diese

Stadt, ganz zu schweigen

dieses Mädchen?! –

ist von Gott geliebt.

Sie ist in Gott verliebt.

Einfach hingerissen.


Das löst ihre Zunge.

Das lässt sie tanzen.

Tanzen und singen:

„Meine Seele preist

die Größe des Herrn!“


Ich kann diese Frau

sehr gut verstehen. Ich kann

annähernd nachempfinden, was in ihr

vorgeht. Unfassbares. Gänzlich

zu begreifen vermag ich es

jedoch nicht.


Manche mögen denken:

Die hat gut singen.

Die ist fein raus.

Aber was ist mit all

denen unter uns,

denen die Töne im

Hals stecken bleiben?

Denen das Leben,

seine Widrigkeiten,

den Mund verschlossen

haben?


Der Gott, von dem

Maria singt, will nicht

hoch hinaus. Er will

hinunter. Er hat ein Herz

für die Menschen, die am

Boden liegen. Er schaut

auf die Armen. Er

hat die Schwachen

im Blick.


Maria weiß aus eigener

Erfahrung, was Niedrigkeit

bedeutet. Sie ist ihr nicht

fremd. Niedrigkeit und all

die Erfahrungen, die mit

ihr verbunden sind, kennt

sie, von der Niederkunft im Stall

bis zur Gottesferne unter dem

Kreuz.

Aber das verklebt

ihr nicht die Lippen.

Das verschließt ihr

nicht den Mund.

Im Gegenteil:

Sie singt.

Sie singt das Lied

ihres Lebens, ganz in der

Gewissheit, dass mit dem,

was sie ist, das letzte Wort

noch nicht gesprochen ist.

Im Gegenteil:

Neues ist im Werden.

Sie geht mit Gott

schwanger.


Wer immer trotz aller

schlechten Erfahrungen in

ihr Lied einstimmt, der setzt

auf etwas, das im Werden ist.

Der setzt auf die Schwangerschaft,

durch die Gott zur Welt

kommen soll. Der setzt

auf Gott!



Das Lied Marias hat es

in sich. Es ist ein Loblied

auf Gott, der nicht alles so

lässt, wie es ist. Gott stellt die

Welt auf den Kopf, oder

besser gesagt: Er stellt

sie wieder auf die Füße.

Er zwingt die Gebeugten

nicht in die Knie, er hilft

ihnen, dass sie wieder

auf die Beine kommen,

zum aufrechten Gang

gelangen können.


Gott erhöht die Niedrigen,

er sättigt die Hungrigen,

er stürzt die Mächtigen

von ihrem Sockel.


Das Magnifikat ist das

Lied einer befreiten Gesellschaft.

Revolutionär ist es, aber doch

so anders als die üblichen

Revolutionen:

Die Potentaten

werden nicht vernichtet,

sondern entmachtet.

Die Tyrannen werde nicht

umgebracht, sondern entthront.

Die Reichen werden nicht

beiseitegeschafft,

sondern gehen leer aus.


Da ist nicht zu spüren

von der Rache des kleinen

Mannes! Wo Gott zum Zuge

kommt, seine Herrschaft

sich Bahn bricht, da werden

die Armen zu ihrem Recht

kommen, dort sind Gerechtigkeit

und Barmherzigkeit zu finden.


Wer vor diesem Hintergrund

sein Leben lebt, versteht und angeht,

der lebt, der glaubt anders als einer,

der nur Katastrophen kommen sieht.


„Glaube ist wie ein Vogel, der singt,

wenn die Nacht noch dunkel ist“,

sagt ein indisches Sprichwort.

„Er singt in der Nacht auf den

Tag zu. Er hat Hoffnung in der

Kehle“ – wie Maria.


Sie lädt uns ein, in ihr

Lied einzustimmen, wenigstens

schon mal mitzusummen.

Es wird schon klingen, weil

einige kräftige Stimmen mit

dabei sind, die den Ton

halten, wie eben Maria,

die Frau am Anfang einer

Hoffnungsgeschichte, die

für uns alle geschrieben

steht.


Anregung zu dieser Predigt:

Franz Kamphaus

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