2. Advent

2. Advent - Lk 3,1-6






Was sollen wir tun? –

Kehrt um!

 

Und wir? –

Kehrt um!

 

Und wir? –

 

Unerbitterliche Stimme

noch bis zu mir:

 

Kehr um!


                                   Ch. Doepgen OSB



Der Auftrag des Johannes

ist es, die Umkehr zu predigen.

Menschen dazu einzuladen,

ein Zeichen der Umkehr zu setzen:

Die Taufe der Umkehr

zur Vergebung

der Sünden.


Vor keinem macht der

Ruf des Johannes halt.

Er betrifft die Menschen

damals. Er betrifft die Menschen

heute. Er trifft auch mich.

„Kehr um!“


Die Umkehr,

die Johannes meint,

wird in starken Bildern zum

Ausdruck gebracht:


Straßen sollen gerade gemacht

werden; Schluchten sollen aufgefüllt

werden; Berge und Hügel sollen

abgetragen werden.


Umkehr, wie sie das Evangelium

meint, bedeutet immer einen

massiven Eingriff in die Landschaften

unseres Lebens, unserer Seele,

unseres Herzens.


Wollen wir eine solche

Veränderung unserer Landschaften

zulassen? Jetzt gäbe es die

Möglichkeit hierzu.


Da gibt es möglicherweise

Befürworter und auch Gegner.

Wie bei jedem Eingriff in

eine Landschaft.


Auf welcher Seite stehe ich?


Wenn mein Ziel Leben

bedeutet; wenn es darum geht,

echter, also authentischer und

stimmiger zu leben, in Einklang

mit mir selbst; wenn es

mir ein Anliegen ist, zu mehr

Erfüllung und Sinn zu finden

und zum Wesentlicheren vorzustoßen;

zu welchen Eingriffen in meine

Lebenslandschaft, Seelenlandschaft,

Herzenslandschaft wäre ich bereit?

Wohin würde ich mich

verändern wollen?


Oder sollte etwa

alles beim Alten

bleiben?


Was mich an dem

heutigen Evangelium stört ist,

dass es zu sehr mit den Defiziten des

Menschen rechnet. Es

setzt voraus, dass vieles im

Leben dieser Welt und

des Menschen nicht rund

läuft und es deshalb

zu einer Veränderung

in den Einstellungen und

Haltungen kommen

muss.


Dabei geht es nicht nur

um das eigene Leben.

Es geht zuerst um Gott und darum,

dass er in meinem Leben

endlich ankommen kann.


Das ist das Ziel der Veränderung

und Umkehr: Gottes Gegenwart

zu erfahren und mit ihr ein

Leben, wie es Gott für mich

gedacht hat.


Frei,

unverstellt,

heil,

erlöst.


Diese Welt ist defizitär.

Ich bin es auch. Wir alle

sind es und leiden einmal

mehr und einmal weniger

darunter.


Täglich stoße ich auf

Unzulänglichkeiten

im Großen wie im Kleinen,

im Öffentlichen wie im Privaten.


Es braucht eine Veränderung

in Einstellungen und Haltungen

von uns Menschen.

Landschaftsveränderungen.

Ja, sicherlich ja.

Aber nicht nur.


Da gibt es nämlich auch unendlich viel

Gutes und Schönes und Gelingendes

in unserer Welt und im Leben eines

jeden Menschen auch. Und Gott

ist dieser Welt nicht nur fern.

Er ist mitten drin. In der Welt,

in deinem und in meinem

Leben.


Und es sind

nicht nur Straßen gerade

zu machen. Und es sind nicht nur

Schluchten aufzufüllen. Und es

sind nicht nur Berge und Hügel

abzutragen. Vieles kann und

darf so bleiben wie es ist.

Dort, wo Gott schon

längst zu uns gefunden hat

und wir zu ihm.


Die Frage des Advents

lautet für mich heute:

Wo ist Gott schon

angekommen?


In dieser Welt.

Im Leben der Anderen.

In meinem ganz eigenen

Leben? Im Leben unserer

Gemeinde und unserer

Kirche. Was tut da Gott

bereits?


Viele unter uns wurden

stets dazu angehalten,

das Unzulängliche mehr zu sehen

und die Defizite der anderen

wie auch die ganz eigenen

auch.

 

Jedoch haben wir es verlernt,

das Gute und das Gelingende in diesem

Leben zu würdigen und bei Menschen

anzuerkennen, auch bei uns selbst

anzunehmen und wertzuschätzen.


An dieser Einstellung hat

die Kirche ihren wesentlichen

Anteil. Ich meine jene Kirche,

die rückblickend immer wieder

Schuld und Versagen des

Menschen in den Vordergrund

gestellt hat und zum Teil

immer noch stellt.

Dabei wurden wir schon

lange aus den Verstrickungen

des Lebens und der Schuld

erlöst.


„Was sollen wir tun? –

Kehrt um!


Und wir? –

Kehrt um!


Und wir? –


Unerbitterliche Stimme

noch bis zu mir:


Kehr um!“


Ja, kehr um, nimm einmal

das in den Blick, was dir

gelingt, was anderen gelingt,

was in dieser Welt am

Gelingen ist.


Blick einmal mit einer

guten Absicht auf das Leben;

der Absicht, das Schöne

und Gute darin erkennen

zu wollen. Schlussendlich

Gottes Spuren in dieser

Welt entdecken zu wollen.

Denn die sind da!


Wo in meinen Leben,

wo im Leben dieser Welt

und ihren Zusammenhängen

erkenne ich, dass Gott bereits

angekommen ist? Wo ist

er schon da? Und was tut

er bereits an mir, an anderen

an uns allen? Wo hat Umkehr schon

längst begonnen und sind

Menschen auf einem guten

Weg, auf einem Weg zueinander

über alle Unterschiede und

Grenzen hinweg; auf einem

Weg zu Gott in Glauben,

und Hoffnung und

Vertrauen?


Wollen Sie einmal darüber

nachdenken? Wollen Sie einmal

auf Entdeckungsreise gehen

in den Landschaften Ihres

eigenen Lebens und dem

der anderen auch?


Der Advent bekäme

dadurch sicherlich ein ganz

anderes Gewicht, ein anderes

Gesicht. Da kann es mit einem

Mal, so ganz unvermittelt,

heller werden um uns

und immer auch in

uns selbst.


Und mitten im

Dunkeln fängt da an, ein

Licht zu leuchten, von dem

Menschen angelockt werden;

eingeladen werden sich niederzusetzen

und Platz zu nehmen.

Ganz plötzlich merkt

der ein oder andere unter ihnen:

Gott ist schon längst angekommen:

Bei dir, bei mir, in dieser Welt.


Advent würde so

bedeuten, die Augen für

die Gegenwart Gottes

zu öffnen und bereit

zu sein, ihn in

den Zusammenhängen

des Lebens zu entdecken.

In dir und auch in mir.


Gott ist uns und dieser Welt

innerlicher als wir es uns

selbst sind. Kehr um!

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