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Gründonnerstag

Jesus oder Cäsar?

Diese Ansprache enstand kurz bevor

das Corona-Virus ausgebrochen ist, so dass

sich kein ausdrücklicher Bezug zur augenblicklichen

Situation darin findet. Hierzu verweise ich auf

den Ostergruß.

 

 

____________________________

 

Die frühe Praxis ist die:

 

Etwa um das Jahr 30

unserer Zeitrechnung trafen

sich die ersten Christen

in ihren Häusern, um

miteinander Brot und

Wein zu teilen.

 

In diesem Ritual

feierten sie den Tod von

Jesus von Nazareth.

Einem Mann, der bis dahin

relativ unbekannt gewesen

und kurz zuvor von

den Römern grausam

gefoltert und hingerichtet

worden war.

 

Das Brechen des Brote

symbolisierte für die ersten

Christen das zerbrechende

Leben von Jesus, der Wein

Jesu am Kreuz vergossenes

Blut.

Manche der ersten Christen

hatten Jesus noch als Rabbi

gekannt. Sie waren mit ihm

durchs Land gezogen.

 

Jetzt begangen sie,

ihn Sohn Gottes zu nennen.

Sie waren der Überzeugung,

dass Jesus mehr als ein

Mensch gewesen sein muss.

Vielmehr:

 

Die Heimkehr Gottes.

Das Gesicht Gottes auf Erden.

Die Gestalt Gottes in der Welt.

 

Und so sprachen sie von

ihm als dem Sohn Gottes,

dem Kyrios, dem Erlöser

der Welt.

 

Zugleich scheuten sie

sich nicht, ihn ihren Bruder

zu nennen. Auch untereinander

redeten sie sich als Brüder

und Schwestern an.

Sie begriffen sich als

Familie eines

hingerichteten Gottes.

 

Sie feierten seinen Tod,

indem sie sich im Ritual

mit dessen Sterben

verbanden.

 

Merkwürdig!

Das Christentum ist die

einzige Religion, die das

Scheitern ihres Gottes

zum Dreh- und Angelpunkt

ihres Glaubens erklärt.

 

Manchmal erntet man

Unverständnis, wenn man

Jesus als den wahren Gott

bezeichnet.

Mit Jesus als einem von

vielen Wegen haben die

wenigsten ein Problem.

Aber der Weg?

 

Das Neue Testament

hält Jesus Christus

für jemand Einzigartigen.

Dort heißt es:

 

„In keinem anderen als

Jesus ist das Heil, auch

ist kein anderer Name

unter dem Himmel den

Menschen gegeben, durch

den wir selig werden sollen.“

(Apg 4,12)

 

Oder:

 

„Jesus spricht zu ihm:

Ich bin der Weg und die

Wahrheit und das Leben;

niemand kommt zum Vater

außer durch mich.“

(Joh 14,6)

 

Oder:

 

„Der römische Hauptmann

aber, der dabeistand uns sah,

wie Jesus starb, sprach:

„Wahrlich, dieser Mensch

ist Gottes Sohn gewesen.“

(Mk 15,39)

 

Damit ist natürlich nichts

bewiesen. Nur weil irgendwer

Donald Trump für den Retter

Amerikas hält, heißt das

noch lange nicht, dass

er es auch tatsächlich

ist.

 

Was vielen allerdings nicht

bewusst ist: Es waren weder

Jesus noch die ersten Christen,

die die Bezeichnung „Gottes Sohn“

zum ersten Mal benutzten.

Auch die Worte „Retter der Welt“

und „Kyrios“ (Herr) sind keine

Titel, die von Christen

erfunden wurden.

 

Sie sind alle dem römischen

Kaiserkult entlehnt.

 

Julius Cäsar war der erste

römische Kaiser, der als Gott

verehrt wurde. Auf einer ihm

gewidmeten Inschrift aus dem Jahr

49 vor Christus, die in Ephesus

gefunden wurde, wird er als

der „sichtbar erschiene Gott

und allgemeine Retter des

menschlichen Lebens“

gerühmt.

 

Der Inbegriff des römischen

Kaiserkultes war Stärke, Erfolg,

Reichtum und Macht.

Die Gottheit zeigt sich durch

militärische Siege und Triumphzüge,

in denen die Feinde gedemütigt

und vorgeführt wurden.

 

Durch Gold und Glanz.

Triumph und Schönheit.

Herrlichkeit und Dekadenz.

Fernab des menschlichen

Schmutzes und Schmerzes.

 

Und den Christen fiel

nichts Besseres ein, als ihren

gekreuzigten Gott mit eben

diesen Titeln zu verehren?

 

Sohn Gottes?

Retter der Welt?

Kyrios?

 

Genau!

 

Es wird immer wieder

gesagt, dass Jesus kein

politischer Messias gewesen

sei. Das Gegenteil scheint

der Fall zu sein.

Jesus ist der komplette

Gegenentwurf zu allem,

was den damaligen Mächtigen

heilig war. Die Umwertung

aller Werte.

 

„Seht die Herrlichkeit des

Sohnes Gottes“, rufen die

römischen Priester, „wie stark,

mächtig und reich unser Cäsar

ist.“

Und die Christen antworten:

„Seht den wahren Sohn Gottes,

wie nackt er im Staub kauert,

ausgepeitscht und nicht einmal

fähig, das eigene Kreuz zu

tragen.“

 

„Seht den Herrn an, unseres Kyrios,

den Retter der Erde“, verkünden

die Priester Cäsars. „Preist ihn,

der seine Feinde mit Macht

zerquetscht.“

Und die Christen antworten:

„Seht den wahren Retter

der Welt, preist den Herrn,

der sich von seinen Feinden

zerquetschen lässt.“

 

Die Christen feierten

täglich den Tod ihres Gottes

mit Brot und Wein.

Sie waren tatsächlich

davon überzeugt, dass in diesem

schwächlichen Tod am Kreuz

mehr Gott zu finden war

als in allem Glanz und

Gloria Roms.

 

Für viele klingt dies

bis heute noch absurd.

Lächerlich.

Ein Gekreuzigter –

Gottes Sohn?

 

Unseren heutigen

Ersatzreligionen und deren

Göttern, denen

viele huldigen, geht es

nicht anders.

 

Scheitern ist nicht

vorgesehen und schon

gar nicht göttlich zu nennen.

Wer scheitert ist raus.

Dem wird nicht mehr

zugehört. Über den werden

üble Witze gerissen.

 

Warum also feiern Christen

einen Gott, der sich besiegen

lässt?

 

Weil sich hier zeigt,

dass Gott auf der Seite

der Schwachen steht.

Jesus sprach immer

wieder davon.

 

Gott ist bei den Verlieren

und nicht bei den Gewinnern.

Gott selbst ist einer von

den Entrechteten, von den

Verstoßenen und Gemobbten.

Er mag diese Leute nicht

nur – er gehört zu ihnen.

 

Der wahre Gott beugt sich

nicht gönnerhaft aus seinem

goldenen Himmel, wie der Sohn

Gottes aus Rom das vielleicht tat,

wenn er gute Laune hatte

und einem Armen ein Stück Brot

hinwarf.

Nein.

 

Der Gott, an den Christen

glauben ist einer dieser Armen.

Ein Gott, der durchbohrte

Hände trägt statt teure

Ringe, Peitschenhiebe

anstatt Haute Couture

und eine Dornenkrone

statt Heiligenschein.

 

Herrlichkeit können

alle Götter. Doch der Gott,

den wir glauben, hat das

Antlitz eines Gekreuzigten.

Bei Christen sitzt nicht

ein Cäsar auf dem Thron,

sondern ein geschlachtetes

Lamm.

 

Das Christentum ist die

einzige Religion, die nicht

nur feiert, dass ihr Gott

stirbt, sondern mit dem

Karsamstag einen ganzen

Tag dafür reserviert,

dass dieser Gott tatsächlich

auch tot ist.

 

Das gibt es kein zweites Mal.

 

„Wir aber predigen Christus,

den Gekreuzigten, den Juden ein

Ärgernis und den Heiden eine

Torheit“, schmettert der

Apostel Paulus im Brief an

die Korinther.

 

Schon damals fanden die

Menschen es nicht nur

merkwürdig, was Christen

glaubten, sondern geradezu

ärgerlich und dumm. Es

passte nicht in ihr Schema.

 

Dabei geht es gar nicht

um die Frage wie vernünftig

oder unvernünftig der christliche

Glaube ist, es geht um die Frage,

ob wir Cäsar folgen wollen

oder Jesus?

 

Um die Frage, ob wir uns

mit der Schwachheit und Ohnmacht

Gottes identifizieren und wie

er bei den

Ausgestoßenen,

den Nervigen und Uncoolen,

den Gemobbten, Getretenen

und Vorgeführten bleiben,

oder ob wir letztlich doch glauben,

dass Gott Stärke und Erfolg

belohnt?

 

Jesus oder Cäsar?

Wem folgen wir?

Machen wir uns nichts

vor, oft liegt uns Cäsar

näher als Jesus.

Ist es wirklich weiser,

gemeinsam zu verlieren,

statt alleine zu gewinnen?

Daran glauben Christen.

 

Und daran erinnert

das Abendmahl:

Dass, wenn wir das Brot brechen,

Gott sich lieber foltern lässt,

statt zurückzuschlagen.

Und wenn wir den Wein

trinken, dass dieser Gott

lieber verblutet, als

aufzuhören, seine Menschen

zu lieben.

 

Kurz gesagt:

Dass Gott nicht wie Cäsar

aussieht – sondern wie Jesus.

Mit ihm verbinden wir uns,

wenn wir Eucharistie feiern.

 

 

 

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Bistum Speyer

www.bistum-speyer.de



Deutsche Bischofskonferenz

www.dbk.de



Deutsche Gesellschaft für Supervision

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TelefonSeelsorge

www.telefonseelsorge.de

0800/1110111

0800/1110222

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