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Karfreitag

Das volle Grab

Diese Ansprache enstand kurz bevor

das Corona-Virus ausgebrochen ist, so dass

sich kein ausdrücklicher Bezug zur augenblicklichen

Situation darin findet. Hierzu verweise ich auf

den Ostergruß.

 

______________________

 

Wir feiern

heute das volle Grab.

Die Dunkelheit.

Das „Wo bist du, Gott?“

Die Nacht der Gottverlassenheit.

Dass Gott nicht hilft.

 

Was ist unsere Religion

für eine merkwürdige Religion.

Wir feiern nicht nur, dass

unser Gott einer der grausamsten

Tode stirbt, den man sich

vorstellen kann, sondern

auch, dass Gott Hilfe ausbleibt.

 

Das muss man erst einmal

aushalten: das Irritierende

des Glaubens an Jesus.

Der christliche Glaube

fängt mit dem Tod Gottes

an. Mit einem Gott, der

nicht hilft.

 

Es gibt Tage, da fällt

der Glaube an Gott leicht.

Dann erscheint er als

eine gute Idee.

Doch dann gibt es immer

wieder auch die Momente,

in denen an Gott zu glauben

schwerfällt, Vertrauen

in Frage gestellt wird

und wir uns von einem Gott,

der so ganz anders ist,

herausfordern lassen

müssen.

 

Die Vorstellung ist allgemein

die: Götter sind stark und

mächtig. Sie können all

das, was wir Menschen

nicht können. Sie sind erhaben,

schön und groß. Sie thronen

über den Dingen.

 

Der christliche Gott ist

anders. Er lässt sich jämmerlich

ans Kreuz nageln. Und als wäre

das nicht schlimm genug, er

bleibt dort hängen, am Kreuz.

 

Und in dieser Frage gipfelt

die ganze Szene. Sie spiegelt

die eine Frage wider, die

Menschen sich durch die

Geschichte hindurch immer

wieder gestellt haben:

 

„Wo bist du Gott?“

„Warum hilft du nicht?“

„Warum schreitest du

nicht dazwischen?“

 

Genau das ist der Gott,

den wohl jeder gerne hätte.

Den Retter-in-letzter-Minute-Gott.

Denn: Wir alle sehnen uns nach

guten Ausgängen im Leben.

Nach Happyends.

 

Stattdessen erzählt

der christliche Glaube von

einem Gott, der stirbt und

begraben wird.

 

Für viele erscheint dies

heute noch genauso

absurd wie damals.

 

Wer kann einen solchen

Gott gebrauchen?

Wer wünscht sich dagegen

nicht vielmehr einen Gott,

bei dem man sich am besten

alles bestellen kann, was

man sich wünscht?

Einen Gott, der einem

gefälligst den Hintern rettet

und am besten noch einen

Lottogewinn drauflegt?

 

Dagegen stellt der gekreuzigte

Gott alles auf den Kopf.

 

Weil er sich hinrichten lässt.

Weil er aussteigt aus der

Rechthaberei, der moralischen

Überlegenheit und Ausgrenzung

anderer und auch aussteigt

aus der Jagd nach

dem vermeintlichen Glück.

 

Weil Gott stattdessen

„Mein Gott, mein Gott,

warum hast du mich verlassen?“

ruft.

Weil sein Statement

Dornenkrone statt Dominanz ist.

„Vater vergibt ihnen“

anstelle von allmächtiger

Zurechtweisung.

 

Aus all dem steigt Jesus

aus und stirbt.

 

Ganz tief in uns drinnen

sehnen wir uns danach

ganz zu sein, heil, vollständig.

Wir wollen, dass Gott uns rettet.

Doch das klappt so nicht.

Die Realität ist eben,

dass Gott zu vielem auch

schweigt.

 

Oft genug funktioniert

Gott nicht so, wie wir uns

das vorstellen oder wünschen.

Warum? Weil so ein

Märchen-Onkel-Gott eine

Illusion ist. Eine

Vertröstungsmaschine.

 

Viele von uns kennen

solche gottverlassenen

Augenblicke. Wenn klar wird,

dass es mit dem Leben nicht

so einfach ist. Wenn etwas

in uns schreit, mein Gott,

mein Gott, warum hast

du mich verlassen?

Wenn wir zu Opfern

geworden sind,

von uns selbst oder

von anderen.

Und Gott scheinbar

nicht helfen möchte.

 

Das kann sehr erniedrigend

sein und einen dann nur noch

zum Heulen bringen, weil

eben nichts, gar nichts

geschieht, weil das Leben

nicht so funktioniert, wie

gedacht. Wie abgemacht.

 

Der Tag heute nimmt

uns mit auf diesen dunklen

Weg. Aber die Geschichte

vom Gott am Kreuz ist eben keine

schöne Geschichte. Und der

Moment, in dem er tot in

ein Grab gelegt wird

und den Jüngern nicht

mehr viel bleibt als das

Weite zu suchen, ist nicht

weniger schlimmer.

 

All das entspricht

der Lebensrealität vieler

Menschen. Das Leben kann

so furchtbar und verstörend

sein. Und das Christentum

lächelt das gerade nicht

weg. Das Christentum

versucht auch den

Karfreitag auszuhalten:

 

Das Absurde,

Unverständliche

hat im christlichen Gott

Platz.

 

Wenn Jesus schreit:

„Mein Gott, mein Gott,

warum hast du mich verlassen?“

macht er zweierlei deutlich:

Den Gott, den wir gerne

hätten, gibt es nicht.

Der Gott, der unser

Glück garantiert ist eine

Erfindung. Der Gott, der noch

in jedem letzten Augenblick

mit dem Finger schnippen

und Legionen von Engeln

vom Himmel schicken wird,

die einen vom Kreuz herunterholen,

ist nicht real. War es nie.

 

Zum anderen sagt der

christliche Glaube aber auch, dass

Gott gerade da ist, wo er nicht

ist. Denn da hängt er ja, mitten

im „Mein Gott, mein Gott,

warum hast du mich verlassen?“!

 

Gott trägt tatsächlich eine

Dornenkrone. Gott ist tatsächlich

nackt. Gott ist tatsächlich gottverlassen.

Und wenn unser eigenes

Leben bricht, so dass wir nur noch

schreien können, schreit Gott

in uns.

 

Aller Schmerz, den wir verspüren,

ist tatsächlich ein Teil Gottes.

Es gibt keine Gottesferne, weil

Gott auch dort ist, wo er eigentlich

gar nicht sein dürfte. Mitten im

realen Schmerz.

 

Und um das deutlich zu machen,

stirbt er am Kreuz und lässt sich

in einem Grab verscharren.

Das ist der Gott, an den

Christen glauben – der Anders-Gott.

Der Gott des Karfreitags.

 

Natürlich ist mir klar,

dass damit nicht alles über

den christlichen Gott gesagt ist.

Auch nicht über das Kreuz.

Und dass Fragen offenbleiben.

Wie sollte es anders sein!

Bei diesem Gott!

 

Doch dann geht

ein Raunen um.

Ein Flüstern.

Erst zaghaft,

dann immer lauter.

Er sei auferstanden,

vernimmt man.

 

Der Mann mit der Dornenkrone.

Der nackte, gekreuzigte.

Der, den Gott verlassen hatte.

 

Das Grab sei leer.

Der Tod habe ihn nicht

halten können.

Der Ort, an dem Gott nicht

ist, das Ende von allem, der Tod, liege

ihm nun zu den durchbohrten

Füßen.

 

Wenn Gott das Grab nicht

halten konnte, dann ist Gott

vielleicht tatsächlich so anders.

Dann ist das Hamsterrad zerbrochen

und die falschen Götter sind

entlarvt.

 

Und wo ist Gott jetzt?

Er lebt in uns, die wir uns

an seinen Tod erinnern,

die das Brot brechen, den Wein

trinken – das Zeichen seines

vergossenen Lebens.

Damit nie wieder

vergessen wird, wie anders

Gott ist.

 

Er lebt in Menschen, die

ihre Kronen gegen Dornenkronen

tauschen, so wie er es vorgemacht

hat.

Er lebt in Menschen, die

sich nackt und verwundet treffen

und ihr Leben teilen, mit allem

Schmerz und aller Freude;

allem Glauben und Zweifeln.

Ohne Oben und Unten,

als Brüder und Schwestern,

die glauben, dass in Gott

für jeden Platz ist, weil

er nichts als Lieblingskinder

hat.

 

Er lebt in Menschen,

die daran glauben, dass die

Liebe stärker ist als alles,

was die Welt verfinstern

mag, die miteinander das

Licht teilen, das er in sie

gelegt hat und die sich

zuflüstern, was am

Ostermorgen die Runde

macht, als der Stein

plötzlich nicht mehr vor

dem Grab lag:

 

„Der Herr ist auferstanden!“

„Er ist wahrhaft auferstanden!“

Erst leise, ein Raunen, dann

immer lauter, bis es die

Welt erfüllt.

 

 

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Bistum Speyer

www.bistum-speyer.de



Deutsche Bischofskonferenz

www.dbk.de



Deutsche Gesellschaft für Supervision

www.dgsv.de

TelefonSeelsorge

www.telefonseelsorge.de

0800/1110111

0800/1110222

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