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Lehre uns beten

Lk 11,1-13

 

 

Jörg Zink,

ein evangelischer Theologe,

erzählt einmal das folgende Erlebnis:

 

Als ich achtzehn war

- es war Krieg -,

wurde ich Soldat.

Ich war glücklich.

Das war doch einmal etwas:

ein Krieg mit den phantastischen Abenteuern,

die da zu erwarten waren.

 

Was für eine entsetzliche Sache ein Krieg ist,

das habe ich erst danach gesehen.

Ich war damals ziemlich naiv,

muss ich heute sagen.

Und mit dem Christentum

konnte ich nicht viel anfangen.

Was es mit dem auf sich habe,

das habe ich erst im Laufe

der Jahre begriffen.

 

Aber, was wichtiger war:

Ich wusste auch nicht,

was ich mit mir selbst anzufangen sollte.

 

Einmal stand ich eine Zeitlang

durch die Nächte auf Posten

in einer unendlichen schneebedeckten Ebene.

Der Himmel war klar, der Horizont frei,

die Kuppel der Sterne über mir.

Ich sah, wie das ganze Himmelsgewölbe sich

im Lauf von Stunden über mich hinweg drehte,

wie die Sterne aufstiegen

oder in den Dunst des Horizonts eintauchten.

Ich stand da als die einzige Verbindung

zwischen Himmel und Erde.

Und da begriff ich:

Wer ein freier Mensch sein will,

der muss den aufrechten Stand üben

und den aufrechten Gang.

Und heute noch stehe ich manchmal nachts

allein auf einen Feld und mache mir klar,

wer ich bin, wie ich heiße

und wie mein Leben ablief.

 

Man kommt näher zu sich selbst,

wenn man so etwas macht.

Man beginnt zu verstehen, wer man ist.

Und das ist auch wichtig,

wenn ich anfangen will,

mich sozusagen Gott gegenüber zu stellen,

um zu ihm zu sprechen.

Und damals habe ich zum ersten Mal

einige Worte in ein Gebet gefasst:

 

Hier auf der Erde stehe ich.

Du bist um mich.

Das ist gut.“

 

Nein. Ich muss es

nicht so machen wie Jörg Zink.

Vielleicht begegne ich mir

auf eine ganz andere Weise.

Ich kann mich auch einem Baum gegenüberstellen,

der allein in der Landschaft steht.

Ich kann ihm gegenübertreten und versuchen,

so zu stehen wie er.

Das ist zugleich eine Übung der Konzentration.

Denn wer sich vor Gott wissen will,

der muss seine Gedanken beieinander haben,

seine Gedanken und seine Gefühle.

 

Jesus sagt:

Wenn ihr betet,

dann macht es nicht wie die Heuchler.

Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen

und an die Straßenecken,

damit sie von den Leuten gesehen werden.

Du aber geh in deine Kammer,

wenn du betest, und schließ die Tür zu;

dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist.

Wenn ihr betet, sollte ihr nicht plappern wie die Heiden,

die meinen, sie werden nur dann erhört,

wenn sie viele Worte machen.

Macht es nicht wie sie; denn euer Vater weiß,

was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet. (Mt 6, 5 ff)

 

Stille ist wichtig für das Beten.

Aber nicht die Stille, die ich erreiche,

wenn ich mich dem Geschrei

und dem Geschwätz der anderen entziehe.

 

Dann kann es nämlich durchaus sein,

dass die Stimmen in mir selbst

anfangen zu lärmen.

 

Nein, die Stille, die ich meine,

sie bildet sich dadurch,

dass ich auf etwas höre,

dass ich etwas zu mir kommen lasse.

Ein Bibelwort etwa.

Ich kann es mir vorsagen.

Immer wieder vorsagen.

Mit Pausen, in denen ich darüber nachdenke.

Und dabei werde ich merken,

dass ich dabei klarer werde,

wacher und aufrechter.

 

Ich kann z.B. sagen:

Christus ist das Licht der Welt.

Oder:

Du, Herr, kennst mich.

Oder:

Dein Reich komme.

 

Reiner Maria Rilke

hat ein wunderschönes

Gedicht geschrieben.

Da heißt es:

 

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.

Wenn das Zufällige und Ungefähre

verstummte und das nachbarliche Lachen,

wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,

mich nicht so sehr verhinderte am Wachen -

 

Dann könnte ich in einem tausendfachen

Gedanken bis an deinen Rand dich denken

und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),

um dich an alles Leben zu verschenken

wie einen Dank.

 

Es ist wichtig,

dass ich das irgendwann am Tag einmal tue:

Still werden und irgendein Wort aufnehmen

und sprechen und mich in ihm aufhalten.

So finde ich am Ende auch Worte,

mit denen ich selber beten kann,

Worte, die etwas Wichtiges sagen.

Denn im Nachdenken über ein Wort

fällt mir am ehesten ein eigenes Wort ein.

 

Vielleicht kann ich sagen:

Du bist da.

Ich bin in dir

wie in einer großen Hand.

 

Oder:

Ich möchte in dir sein.

Ich warte auf dich.

Ich bin dir.

Danke Herr.

 

Im vergangenen Jahr

verbrachte ich meinen Sommerurlaub

in einem Haus unmittelbar am Meer.

Morgens vor Sonnenaufgang ging ich am Strand spazieren.

Zu dieser Zeit war nichts zu hören

als das leise Glucksen kleiner Wellen.

Einmal eine Möwe.

Und irgendwo in der Ferne den dumpfen Motor

eines Fischerbootes.

Sonst nichts.

 

Solche Augenblicke

sind für mich ganz heilige Augenblicke.

Momente, in denen ich mich Gott sehr nahe fühle.

Momente, in denen sich auch Gebete formulieren:

 

Ich bin hier.

Du bist um mich.

Dein ist der Tag.

Dein die Nacht.

Dein mein Leben.

 

Ganz gleich,

was ich nun empfinde,

sei es an einem Strand in aller Frühe.

Sei es auf dem Gipfel eines Berges.

Ich muss meine Gedanken bei der Sache haben.

Ich muss mich konzentrieren können.

Wer seine Gedanken nicht für eine Minute

auf einen Punkt bringen kann,

der wird neben dem Gebet,

das er spricht, an zehn andere Sachen denken

und nachher sagen:

Ich weiß gar nicht,

wozu man das braucht,

das Beten.

 

Aber natürlich

muss nun noch etwas dazukommen.

Solange ich mich mit mir selbst beschäftige

- was notwendig ist - bleibe ich allein.

Ich rede ins Leere oder zu mir selbst.

Das Gebet aber ist ein Reden

mit einem anderen, der mir gegenüber ist.

Mit dem, der das Geheimnis der Welt ist,

der der Schöpfer von Himmel und Erde ist,

von Sternen und Galaxien,

von Steinen und Tieren,

von Pflanzen und Menschen.

Der wie eine geheime Lebenskraft

in allem wirkt.

Der älter ist als die Welt

und der ihre Zukunft bestimmt.

 

Jesus sagt:

So sollt ihr beten:

Vater unser im Himmel,

dein Name werde geheiligt ...

 

Ich kann also,

wenn ich anfange,

mich zu konzentrieren,

wenn ich anfange,

das aufrechte Stehen zu üben,

den aufrechten Gang,

wie es Jörg Zink ausdrückt,

als ersten Versuch das Vater unser sprechen.

 

Es hat den Vorteil,

dass es überall und immer gesprochen wird,

wo Christen sind und,

dass ich mir nichts Eigenes ausdenken muss.

Das wird übrigens ein Leben lang so bleiben.

Das Vater unser kann ich immer sprechen

und es ist kaum eine Situation denkbar,

in der ich es nicht könnte.

 

Ich sage also,

wenn ich unter dem Sternenhimmel stehe

oder vor einer weiten Landschaft,

vielleicht auch, wenn ich in das Licht einer Kerze blicke:

 

Vater im Himmel

Und ich meine damit nicht:

Du bist dort oben, sondern ich sage damit:

Du bist das Geheimnis, das mich umgibt

und das auch in mir selbst ist.

Aber obwohl ich dich nicht sehe,

rede ich zu dir und vertraue darauf,

dass du mich hörst.

 

Dein Name werde geheiligt.

Das heißt:

Ich will das Wort „Vater im Himmel“

davor schützen, dass es lächerlich

oder banal wird.

Ich will das Wort Gott davor schützen,

dass es für jede dumme Gelegenheit herhalten muss.

Ich will mir bewusst bleiben,

dass ich dem Größten gegenüberstehe,

das es in dieser Welt und über sie hinaus gibt.

 

Dein Reich komme.

Damit sage ich:

Es läuft so viel falsch in dieser Welt,

vor allem unter uns Menschen.

Es ist so viel schief und ungerecht.

Auch bei mir selbst.

Aber die Welt ist nicht an ihrem Ende:

Gott wird am Ende alle Macht der Menschen beenden

und eine Welt schaffen,

in der Gerechtigkeit ist.

Darauf warte ich.

 

Dein Wille geschehe

Das heißt:

Im Grunde weiß ich recht gut,

was dein Wille ist.

Aber obwohl wir Menschen alle immerfort

unsere eigenen Willen nachlaufen,

zu unserem eigenen Unglück,

bitte ich dich doch:

Lass deinen Willen geschehen,

auch durch mich.

 

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Damit sage ich:

Das Brot, mit dem ich mein Leben erhalte,

kommt von Gott.

Und ich will davon nicht mehr,

als ich leben kann.

Es gibt so viele Hungernde auf dieser Erde.

Sie können nur leben,

wenn wir das Brot,

das für alle auf dieser Erde wächst,

teilen.

 

Und vergib uns unsere Schuld.

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Das heißt:

Ich kann nicht leben, wenn ich mein Versagen

und meine Gemeinheiten

immer mit mir herumtragen muss.

Rechne sie mir nicht an.

Dass mir das ernst ist, zeige ich damit,

dass ich den anderen nicht anrechne,

was sie mir zuleide tun.

 

Und führe uns nicht in Versuchung.

Damit sage ich:

Führe mich nicht in die Gefahr,

an dir irre zu werden, wenn ich sehe,

was alles in dieser Welt geschieht.

Wenn ich verzweifeln will

über all das Leid und Unrecht,

dann halte mich fest,

dass ich deine Hand nicht verliere.

 

Sondern erlöse uns von dem Bösen.

Das heißt:

Ich bin ständig gebunden an meine Interessen,

an meine Wünsche, an meine krummen Gedanken

und an alles Böse, das unter Menschen geschieht.

Mache mich zu einem freien Menschen.

 

Denn dein ist das Reich

und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

 

Wie gesagt:

Ich kann dieses Gebet ein Leben lang sprechen.

Es wird mir immer wieder etwas Neues dabei aufgehen,

und immer mehr werde ich merken,

dass im Grunde alles in ihm liegt

und in ihm lebendig werden,

das Glück und das Leid,

der Erfolg und das Versagen,

der Glaube und das Unglück,

das Leben und der Tod.

 

Alles,

was ich Ihnen jetzt gesagt habe,

ist ein erster Anfang.

Ich habe ein wenig von mir selbst geredet

und von dem Gott,

der Ihnen und mir gegenüber ist.

Das Gebet ist tatsächlich zuallererst eine Sache,

die sich nur zwischen mir und Gott abspielt.

 

Noch einmal.

Jesus sagt zu seinen Jüngern,

sie sollen in die Kammer gehen,

dorthin eben, wo sie niemand sieht.

Das ist sinnvoll.

Liebende, die sich einander sagen wollen,

was sie füreinander empfinden,

tun das auch nicht lauthals

in der Öffentlichkeit.

Denn die Liebe ist verletzlich

und darf von anderen Leuten

nicht zertrampelt werden.

 

Aber es gibt auch das Gebet,

das viele miteinander sprechen

und das für viele zugleich gesprochen wird.

Und auch das hat seinen Sinn.

Denn unser Leben findet nicht

in einem verschlossenen Raum statt,

sondern unter vielen Menschen.

Und wo das Leben stattfindet,

da hat das Gebet immer einen Platz.

Sollte es zumindest haben.

 

 

 

 

 

 

Weiterführende Seiten:

 

TelefonSeelsorge

www.telefonseelsorge.de

0800/1110111

0800/1110222

 

Bistum Speyer

www.bistum-speyer.de



Deutsche Bischofskonferenz

www.dbk.de



BTS

Gesellschaft für Organisationberatung

Training und Supervision

www.bts-mannheim.de



Deutsche Gesellschaft für Supervision

www.dgsv.de









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